EINBLICKE - MEDIZINISCHE VERSORGUNG UND ENTWICKLUNG
Brücke zurück ins Leben
Forensische Ambulanz Erlangen feiert 25. Jubiläum
Wenn sich die Türen der Klinik für Forensische Psychiatrie am Klinikum am Europakanal öffnen, beginnt für ehemalige Patienten ein entscheidender Schritt: die Rückkehr in den Alltag. Draußen warten Freiheit und Verantwortung, aber auch Vorurteile, feste Auflagen und ganz praktische Fragen: Wo wohne ich? Wie halte ich Termine ein? Wie finde ich Arbeit, Struktur, Halt?
Genau hier setzt die Forensische Ambulanz Erlangen an. Seit 25 Jahren begleitet sie Patienten nach dem Maßregelvollzug, sichert Therapieerfolge und trägt dazu bei, Risiken frühzeitig zu erkennen. Im Dezember würdigten ein Festakt und eine Fachtagung diese Arbeit.
Forensische Nachsorge: Unterstützung nach der Klinik
Die Forensische Ambulanz betreut Patienten, die aufgrund einer psychischen Erkrankung oder einer schweren Suchterkrankung straffällig geworden sind. Statt Haft ordnete das Gericht ihre Unterbringung in einer Klinik für Forensische Psychiatrie an, wo die Behandlung im Vordergrund steht.
Nach Abschluss der stationären Behandlung folgt die Bewährungsprobe im Alltag: Die Patienten müssen Termine wahrnehmen, Beziehungen neu ordnen und Schritt für Schritt ein neues Leben aufbauen. Damit die Fortschritte auch außerhalb der Klinik tragen, gründete man im Jahr 2000 die Forensische Ambulanz in Erlangen.
Vom Modellversuch zum Standard
Was heute selbstverständlich wirkt, war vor 25 Jahren Neuland. Zunächst übernahm das stationäre Team der Erlanger Forensik die Nachsorge zusätzlich zur Arbeit in der Klinik. „Ein fertiges Konzept gab es damals nicht“, erinnert sich Dr. Gernot Hahn, Leiter der Forensischen Ambulanz. „Aber eine klare Einsicht: Nach einem Aufenthalt im Maßregelvollzug brauchen Patienten Orientierung, verlässliche Strukturen und Begleitung, damit sich die erzielten Fortschritte im Alltag bewähren können.“
Aus dieser Initiative entstanden ab 2002 zwei bayernweite Modellphasen, die Erlangen maßgeblich mitprägte. Die positiven Erfahrungen zeigten, wie wichtig eine spezialisierte Nachsorge ist. Zum 1. Januar 2009 führte der Freistaat Bayern deshalb flächendeckend Forensische Ambulanzen als festen Bestandteil der Versorgung ein.
Auch zuvor überließ man Patienten nach ihrer Entlassung nicht sich selbst – niedergelassene Praxen und sozialpsychiatrische Dienste kümmerten sich um die Nachsorge. Neu an der Forensischen Ambulanz war der spezialisierte Ansatz, der Behandlung, Risikoabschätzung und die Zusammenarbeit mit der Justiz systematisch an einem Ort bündelte.
Bilanz nach 25 Jahren
Wie wichtig diese Brücke zurück ins Leben ist, zeigen die Zahlen. „In den vergangenen 25 Jahren haben wir in Erlangen und in der angegliederten City-Ambulanz Nürnberg über 1.200 Patienten unterstützt“, sagt Dr. David Janele, Chefarzt der Klinik für Forensische Psychiatrie. „In rund 95 Prozent der Fälle gelang die dauerhafte soziale Wiedereingliederung. Das ist für die Betroffenen ein großer Schritt in Richtung eines geordneten Alltags – und zugleich ein wichtiger Beitrag zur Sicherheit in der Gesellschaft.“
PULLQUOTE
„In rund 95 Prozent der Fälle gelang die dauerhafte soziale Wiedereingliederung. Das ist für die Betroffenen ein großer Schritt in Richtung eines geordneten Alltags – und zugleich ein wichtiger Beitrag zur Sicherheit in der Gesellschaft.“
Der Erfolg beruht auf einem Ansatz, der über medizinische Behandlung hinausgeht. Die Forensische Ambulanz verbindet Therapie mit sozialpädagogischer Unterstützung im Alltag. Die Mitarbeitenden helfen bei der Wohnungssuche, bei Fragen zu Arbeit und Ausbildung oder beim Umgang mit Finanzen. Gemeinsam mit den Patienten knüpfen sie ein stabiles Netz, das auch in schwierigen Zeiten trägt und ein eigenverantwortliches Leben ermöglicht.
Fachlicher Austausch zum Jubiläum
Zum Jubiläum der Forensischen Ambulanz Erlangen kamen rund 85 Fachleute aus Süddeutschland zu einem Festakt mit Fachtagung zusammen. Im Mittelpunkt standen die Entwicklung der forensisch-ambulanten Versorgung, die Wirksamkeit des Maßregelvollzugs und der Blick auf künftige Herausforderungen. Zu den Gästen zählte auch Dr. Dorothea Gaudernack aus dem Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales.
v.l.n.r.: Dr. Gernot Hahn, Leiter der Forensischen Ambulanz; Stinne Fronius, Vorständin der Bezirkskliniken Mittelfranken; Jörg Volleth, Bürgermeister der Stadt Erlangen; Dr. David Janele, Chefarzt der Klinik für Forensische Psychiatrie; Dr. Dorothea Gaudernack, Leitung des Referats II 5 – Maßregelvollzug, Öffentlich-rechtliche Unterbringung, Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales; Peter Daniel Forster, Bezirkstagspräsident des Bezirks Mittelfranken und Verwaltungsratsvorsitzender der Bezirkskliniken Mittelfranken.